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Tagebuch 18.01.1990

Eine neue Rubrik hab ich eröffnet: "Erinnerungen". Im Keller stapeln sich in einem großen Karton all meine alten Tagebücher, bis in die Kinderzeit zurück, und daraus könnte ich eigentlich immer mal wieder ein bißchen was hier reinschreiben. Wenn ich morgen abend noch Zeit dafür habe, nehme ich mir den Karton mal vor und stöbere darin - ebenso wie in dem Schuhkarton mit Schul-Zettelbriefchen aus diversen Unterrichtsstunden, die ich neulich bei meinen Eltern entdeckt und mitgenommen habe.

... ein paar Zeilen vom 18.01.1990 - damals war ich 20 und arbeitete bei der Post Spätschicht am Fließband, Pakete einsortieren. Ich lebte in einer festen aber äußerst problematischen Beziehung: Vorsicht, der Text ist zwar entschärft, aber ziemlich heftig - im Zweifelsfall nicht weiterlesen ;)

Hintergrund war, daß mein Vater meiner Entscheidung betreffend eines Studiumbeginns an einer Privatschule nicht akzeptieren wollte - ich erzählte das ziemlich frustriert einer mir nahestehenden Person, die jedoch reagierte genervt und gelangweilt, hatte keinen Bock drauf, sich das von mir anzuhören "immer das gleiche Theater bei dir und deinen Eltern, mich interessiert das nicht, und nun erwartest du auch noch einen Kommentar von mir ..." - so war sie drauf, wenn sie selbst mies drauf war oder zuviel geraucht hatte ...

"Wie macht man das - wie schafft man das, sich diese dicke Haut zuzulegen, von der die Hauptperson in "Drachenblut" (guter Link) schreibt??? Wahrscheinlich bin ich noch zu jung, um das so einfach zu können, vielleicht gehören noch eine ganze Menge an Lebenserfahrungen dazu, bis ich soweit bin, sagen zu können "Mich kann nichts mehr verletzen, mir sind die Probleme anderer gleichgültig, genauso wie anderen meine Probleme gleichgültig sind, und das ist okay, wir halten unsere Probleme aus unseren Beziehungen heraus, und jeder kann die Wände anschreien, wenn er allein ist" ...

eigentlich müßte ich das doch inzwischen kapiert haben, daß meine idealistischen Vorstellungen von einer Beziehung Sch***e sind, und ich mich mit ihnen nur selbst kaputtmache. Erwarte nichts von den Menschen, dann wirst du auch nicht enttäuscht.

Super, daß ich diese Kassette dabei habe, die alte mit a-ha usw.

Ich schaffe es auch noch. Bis jetzt scheint die Gleichgültigkeit, die Bitterkeit, die wohl die Grundlage einer solchen Lebenshaltung sein muss, noch nicht groß genug zu sein. Ich kann mir hundertmal sagen, ich lasse mich nicht mehr verletzen, nicht mehr preisgeben - jedes Mal in den letzten Jahren, wenn ich so blöd war und irgendjemandem meine Gefühle anvertraut habe, ihm einfach erzählen wollte, was in mir vorgeht, und derjenige mich zurückgewiesen hat und mir deutlich gezeigt hat, was für eine Gans ich bin - jedesmal hab ich mir geschworen, jetzt ist Schluss, ich mache alles mit mir selbst aus, meine Idealvorstellung von gegenseitigem Verständnis egal, um was es geht ... egal, ob es für den anderen schwierig zu verstehen ist - einfach dem andern zeigen, daß er nicht allein ist, daß man Interesse an der ganzen Persönlichkeit hat, und an allem, was damit zusammenhängt - alles das wird doch so viel leichter, wenn man es nicht allein tragen muss - eben nicht allein die Wände anschreit - aber ich verfalle schon wieder in die falsche Tonart, immer die gleiche Sch***e.

Nach außen hin die nette, lustige, humorvolle, unproblematische Freundin, Kollegin, Kumpel etc. sein - alles andere ist doch nicht gefragt. Genausowenig wie am Ende irgendjemand nach denen fragt, die es nicht geschafft haben, mit dieser Realität klarzukommmen.

Der Mensch ist nunmal als Einzelwesen angelegt, ein einziges verdammtes Ich in seinem Körper, das nicht oder nur sehr begrenzt über sich hinausgehen kann...

man kann so viel töten in anderen, andere Wesen - warum ist es so verdammt schwer, seine eigenen Gefühle zu töten, wenn sie einen bedrohen und einen sonst womöglich noch selbst töten?

Ist das Verweichlichung, gehe ich zu großzügig mit meinen Gefühlen um, lasse ihnen zu viel druchgehen? ach was weiß ich...

"Sein Gesicht ein Massengrab totgeschlagener Wünsche" (Guntram Vesper)

"You've come to lose some memories... you want to lose the weight of the wind - you're lost and forever down down ..." (a-ha)

Was gibt es eigentlich noch zu sagen, zu schreiben ... Nichts, alles ist nichtig, egal, die Zeit streicht drüber weg, löscht es aus in anderen, vielleicht auch in dir, aber es dauert lange, lange, wie immer - und wenn es dann ins Unbewußte gerutscht ist, machst di die gleiche Sch***e wieder und läßt dich immmer wieder aufs neue und auf die gleiche Art verletzen ...

Möchte jetzt mit R. telefonieren, nachts um viertel nach drei, und sie fragen, ob ich ein Idiot bin, oder einfach nur bescheuert ... Danke für die Nachfrage, ob ich mich jetzt wieder beruhigt hätte. Logisch hab ich mich wieder beruhigt, und was irgendwo tief drinnen ist das ist egal, es kann toben wie es will, ich habe mich beruhigt. Von mir kommen keine Gefühlsregungen mehr, die nicht in diese Spielregeln passen, ich liefere mich doch nicht aus. Irgendwann bin ich eben weg ...

So lange warten, bis alles in toter Gleichgültigkeit versinkt. Fast bin ich soweit. Meine Augen brennen wie wahnsinnig. Ich schlafe jetzt. Mein Alleinsein mit mir ist mir auch fast gleichgültig. Wohl doch nicht so ganz gleichgültig .. warum kann ich kein gefühlloser Trampel sein??? manchmal wünsche ich mir das so. Ich schreibe, um zu fliehen vor mir, meinen Gedanken, meinen Gefühlen, die rauswollen aber nicht rausdürfen. Gleich fünf Uhr morgens inzwischen, hiermit verfluche ich die Gefühle ..."


Zum Glück gelang es mir damals, diese Sache später noch vernünftig zur Sprache zu bringen ... aber es war eben nicht nur einmal der Fall - so etwas in der Art ... und ich bin schon eine ziemlich empfindliche Person *g* wobei ich beim Lesen von all dem ziemlich froh bin, daß es hinter mir liegt und ich daraus lernen durfte. Und daß es zu mir gehört - ein Teil meines Lebens als Ganzes, mit allen Höhen und Tiefen ... ich möchte nichts vergessen, sonst wütet es unterbewußt weiter.

Ocean 23.09.2005, 16.44

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Kommentare zu diesem Beitrag

3. von Sunnythera

Meine Liebe, ich bin beeindruckt wie gut du deine Gefühle schon damals ausdrücken konntest. Und ich kann dir diese Situationen gut nachempfinden - wie oft hab ich mir früher gewünscht nicht so viel zu fühlen. Aber irgendwann merkt man, dass es ein Segen ist, (intensiv) fühlen zu können. Denn wenn man nicht mehr fühlt, wird das eigene Herz zu Stein.
Alles Liebe, deine Sunny

vom 26.09.2005, 10.15
2. von Heinz-Josef

Hallo Ocean,
da hast Du dir aber viel vorgenommen, aber es ist bestimmt interessant in Erinnerungen zu wühlen. Ein dickes Fell macht einsam, auch wenn es dann keine Probleme gibt. Ich spreche aus Erfahrung, ich habe als kleiner Junge schon meine Gedanken und Gefühle für mich behalten, warum, ich weiß es nicht. Nicht das ich gefühllos war, ich glaube sogar, ich konnte für andere sehr viel Geduld aufbringen, nur meine Nöte und Sorgen habe ich allein verarbeitet. Langsam bin ich irgendwann aufgetaut und das Leben ist so schöner.
Alles Gute
Heinz-Josef

vom 24.09.2005, 16.02
1. von chajah

So viele Tagebuchaufzeichnungen... einfach wertvoll all das, liebe Ocean. Eine interessante Rubrik hast du hier aufgemacht und ich bin schon gespannt auf alles was kommt. Das Lesen hier wird mir nächste Woche sehr fehlen :(
Alles Liebe für dich, deine chajah.

vom 23.09.2005, 17.41
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Du bist mein Land,
ich deine Flut,
die sehnend dich ummeeret;
du bist der Strand,
dazu mein Blut
ohn Ende wiederkehret.

An dich geschmiegt,
mein Spiegel wiegt
das Licht der tausend Sterne;
und leise rollt
dein Muschelgold
in meine Meergrundferne.

(Ch. Morgenstern)

"Zwischen Dir und dem
Horizont liegt das Leben."


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.. genieße das Glück des
Augenblicks bewußt,
und bewahre ihn in
Deinem Herzen, so daß
Du jederzeit zu ihm
zurückkehren kannst.

Alles Erlebte ist Dein,
für immer. Deine Vor-
stellungskraft trägt Dich
überall hin, und Dein
Wille macht scheinbar
Unmögliches möglich.

Leben - unterwegs sein
auf Deinem eigenen
Lebensweg... gesegnet
mit der Kraft, auch die
schmerzlichen Wege
aufrecht zu gehen.

Die Quelle der Kraft
liegt im Universum ..
in der Natur ..
in Dir selbst.

(Ocean)



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"Long hours of loneliness
between me and the sea ...
Should I dress in white and
search the sea, as I always
wished to be one with the
waves - Ocean Soul ... "

(Nightwish)


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"Man kann ohne Hund leben,
aber es lohnt sich nicht"
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The journey has begun
Sail away through the night
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Man muß nur den Mut
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(P. Rosegger)




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Wolken seh ich abendwärts
Ganz in reinste Glut getaucht,
Wolken ganz in Licht zerhaucht,
Die so schwül gedunkelt hatten.

Ja! mir sagt mein ahnend Herz:
Einst noch werden, ob auch spät,
Wann die Sonne niedergeht,
Mir verklärt der Seele Schatten.

(Ludwig Uhland)



Ein Rot, das traumhaft dich
erschüttert -
Durch deine Hände scheint
die Sonne.
Du fühlst dein Herz verrückt
vor Wonne
Sich still zu einer Tat
bereiten...

(aus: "Ein Konzert" von G. Trakl)



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Mit einem kurzen Schweifwedeln
kann ein Hund mehr Gefühle ausdrücken,
als mancher Mensch
mit stundenlangem Gerede.
(Louis Armstrong)




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